Was ist es, das uns verbindet? Eine kurze Sprachreflexion von der DHd 2017 Bern

(Angesichts des Themas mein erster deutscher Post.)

Bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum ging es hoch her, als die Sprachpolitik für die jährliche Konferenz diskutiert wurde. Bisher war es so, dass eindeutig im Call for Papers ausgedrückt war: “Die primäre Sprache der Veranstaltung ist Deutsch”. Für Vorträge und Workshops sowie Abstracts gab es bei begründeten Ausnahmefällen die Möglichkeit, Englisch zu wählen.

Diese Regelung stand zur Diskussion, weil sie zum einen internationale DH-Forschende, die im deutschsprachigen Raum tätig sind, ohne des Deutschen mächtig zu sein, benachteiligen würde, und zum anderen den Impact der Beiträge und Abstracts international schmälern würde. Diskutiert wurde, ob Englisch als gleichberechtigte Alternative zum Deutschen für Abstacts und Beiträge erlaubt sein sollte, bzw. ob eine absolute Gleichberechtigung aller Sprachen zu präferieren sei, wobei die Einreichenden selbst entscheiden würden, oder ob an der bisherigen Präferenz für Deutsch festgehalten werden solle. Letztendlich wurde von den Mitgliedern eine Öffnung der Sprachpolitik im pluralistischen Sinne entschieden, die ein wenig einen experimentellen Charakter hat, da sich nun zeigen muss, ob dies rein praktisch zu Problemen führen wird, z.B. passende ReviewerInnen zu finden.

Sprachfragen sind oft stark mit Emotionen verbunden und auch in offiziell mehrsprachigen Ländern, sieht die Realität meist so aus, dass sich auf Grund der gemeinsamen Sprache die einzelnen sprachlichen Gemeinschaften stärker miteinander verbunden fühlen als mit anderssprachigen Gemeinschaften. Mehrere Jahre in Gent haben mir dies zum Beispiel für die belgische Realität recht eindeutig gezeigt.

Die Frage, die sich für den Dhd Verband bzw. die jährliche Konferenz stellt, ist meiner ganz persönlichen Meinung nach demnach, welches „D/d“ in DHd uns mehr miteinander verbindet? Das „D“ für „Digital“ oder das „d“ für „deutschsprachig“? Immerhin sind der DHd Verband und die DHd Konferenz ja, lapidar ausgedrückt, weder ein Verband noch eine Konferenz der Digitalen Germanisten, sondern sind sehr diverse Disziplinen im Verband vertreten, was sich auch in der sprachlichen Vielfalt der untersuchten Sprachen, insofern es sich um Philologien handelt, spiegelt. Wenn uns das „D“ für „Digital” am meisten verbindet, erscheint es (abgesehen von praktischen Fragen) wenig sinnvoll, am Primat des Deutschen festzuhalten und sich sprachlich zu öffnen, um Vernetzung und Impact zu erhöhen. Noch scheint der DHd Verband hier ein wenig uneindeutig, denn als Aufgabe definiert er selbst laut der Verbandswebseite: “Der Verband DHd – “Digital Humanities im deutschsprachigen Raum” –  wurde 2013 gegründet und versteht sich als Forum und formelle Interessenvertretung für alle, die sich im deutschsprachigen Raum in Forschung und Lehre – unabhängig von der Fachdisziplin – im Arbeitsbereich der Digital Humanities engagieren.” Aber gleichzeitig ist die Selbstaussage: “Digital Humanities – auf Deutsch”

Nun gebe ich gerne zu, dass ich den Aufmarsch des Englischen als Lingua Franca mit gemischten Gefühlen sehe, da damit unwillkürlich eine Verflachung des sprachlichen Diversität des wissenschaftlichen Diskurses einhergeht und wohl den wenigsten WissenschaftlerInnen die Gabe der perfekten zweisprachigen Eloquenz gegeben ist. Es erscheint schon etwas merkwürdig, sich nur noch auf Englisch über z.B. romanistische, niederlandistische, oder japanische Themen zu unterhalten. Aber der Trend, dass die wissenschaftliche Kommunikation immer mehr zum Englischen tendiert, wird sich nicht bremsen lassen und er hat an sich ja auch etwas Gutes. Jeder hat sicherlich schon für sich selbst festgestellt, dass die Wahl einer weit verbreiteten Sprache zu einer erhöhten Rezeption außerhalb der „eigenen Kreise“ führt. Diese erhöhte Rezeption befeuert den wissenschaftlichen Austausch und die Möglichkeit über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Und darum geht es ja letztendlich in den Digital Humanities.

Schauen wir uns als Beispiel die Sprachpolitik der DH Benelux Konferenz an. Auch die DH Benelux verbindet geografisch diverse sprachliche Gruppen (Niederländisch, Französisch, Deutsch, Luxemburgisch, Friesisch). Man kann davon ausgehen, dass wahrscheinlich die große Mehrheit der Anwesenden Niederländisch zumindest versteht (und vor Ort auch miteinander Niederländisch spricht), dennoch ist die offizielle Konferenz sehr stark vom Englischen geprägt. Der Grund dafür war von Anfang an eine stärkere Öffnung für sprachliche und fachliche Diversität und ein stärkerer Impact.

Ob man nun soweit gehen sollte, explizit vor der Wahl anderer Sprachen als dem Englischen zu warnen, wage ich zu bezweifeln, aber dies geschieht auch vor dem Auge unabdingbarer Realitäten.

Warum sollte es WissenschaftlerInnen also nicht freigestellt werden, welche Sprache sie wählen? Genauso, wie wir wählen können, wo wir publizieren, in welcher Form und in welcher Sprache, müssen wir auch wählen können, an welchen Konferenzen und in welcher Sprache wir an diesen teilnehmen. Auch beim internationalen Mediävistenkongress in Leeds gibt es noch immer Panels, die nicht auf Englisch sind. Keiner hindert einen daran, einen „Sprachmix“ zu praktizieren.

Schauen wir also, wo uns das Experiment hinführt. Auch hier wird sich wohl der „Markt“ letztendlich selbst regulieren und es sich zeigen, ob Englisch die nächste oder übernächste DHd Konferenz im wissenschaftlichen Programm dominieren wird.

Vielleicht können wir aus diesen Erfahrungen heraus bei der nächsten Mitgliederversammlung bei der DHd 2018 in Köln erneut darüber diskutieren, oder ein Panel gestalten. Denn auch Sprachfragen gehören in meinem Verständnis zur Kritik der digitalen Vernunft. Wie divers oder „inclusive“ sind stark anglophone Digital Humanities in Bezug auf andere Sprachen? Hier fallen mir viele Fragen ein, z.B. Metadaten- bzw. Ontologiensprachen, Projektsprachen, Benutzeroberflächen… Auch der Punkt Qualitätssicherung bzw. Beurteilungskriterien scheint mir diesbezüglich nicht uninteressant. Zumindest die Philologien identifizieren sich aus meiner Erfahrung noch immer stark über sprachliche Eloquenz. Wenn wir nun schon alle Englisch publizieren (müssen), muss oder kann man dem Punkt gerecht werden, dass wir nun mal nicht alle MuttersprachlerInnen sind oder ergibt sich daraus automatisch ein Nachteil?

Abgesehen davon: Es war eine sehr stimulierende Konferenz und mein großer Dank gilt allen Beteiligten, vom Organisationskommitee in Bern, zum Konferenzkommitee, dem DHd Vorstand und allen KollegInnen für drei sehr inspirierende Tage!

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One Response to “Was ist es, das uns verbindet? Eine kurze Sprachreflexion von der DHd 2017 Bern”
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  1. […] Ulrike Wuttke’s blog post for an extensive discussion in German. […]



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