Volkssprachliche mittelalterliche Eschatologie: Ein Werkstattbericht

Unlängst hatte ich die Ehre und vor allem das große Vergnügen im Rahmen der Werkstattgespräche der Staatsbibliothek zu Berlin eine Lesung mit dem Titel „Antichrist, Endkaiser und Jüngstes Gericht: Apokalyptische Prophezeiungen und Eschatologie im 14. Jahrhundert” zu halten. Ich möchte es nicht versäumen, bei dieser Gelegenheit der Staatsbibliothek, insbesondere Herrn Eef Overgauw, Frau Jopp, Frau Murawski und Frau Henschel, herzlich für diese Gelegenheit und die hervorragende Betreuung zu danken.

Das Format der Wissenswerkstatt ist ein besonderes Format in dem Sinn, dass es sehr offen gehalten ist und sich neben Spezialisten an einen breiten Interessentenkreis richtet. Da ich es für sehr wichtig halte, geisteswissenschaftliche Forschungsgegenstände und –ergebnisse in populärwissenschaftlichen Formaten aufzubereiten und über nicht rein fachwissenschaftliche Kanäle und Medien zu verbreiten, um ihre Reichweite zu vergrößern, suche ich auch immer wieder persönlich solche Formate. So habe ich schon einen Artikel in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, ein Interview für eine niederländische Zeitschrift gegeben, im Rahmen eines Kunstevents in einer Amsterdamer Kirche “performt” und einen Vortrag für einen Rotary-Klub gegeben, außerdem bin ich in sozialen Medien aktiv und führe einen Blog. Das Interesse das meiner Forschung aus den unterschiedlichsten Richtungen entgegengebracht wird, zeigt immer wieder das mittelalterliche Eschatologie und Prophezeiungen auch außerhalb eines kleinen Expertenkreises eine große Relevanz und Anziehungskraft haben.

Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung bei populärwissenschaftlichen Formaten ist, dass es im Vorfeld nur schwer absehbar ist, mit welchem Vorwissen man rechnen kann und wie stark man auf Details eingehen kann und muss, ohne einen Teil des Publikums auf „halber Strecke zu verlieren“. Zu wissen, was man als bekannt voraussetzen kann und nicht unbedingt unterhaltsam sein zu müssen, macht zum Beispiel die Vorbereitung eines Fachvortrags deutlich einfacher, was keineswegs heißen soll, dass man seine ZuhörerInnen bei akademischen Vorträgen zu Tode langweilen sollte, auch wenn es teilweise zum guten Ton zu gehören scheint, sein Material so trocken und zäh wie möglich zu präsentieren.

Lesungsformate außerhalb rein akademischer Kreise sind besonders inspirierend und für die eigene Forschung bereichernd, da sie unweigerlich zu ungewöhnlichen Fragen und neuen Perspektiven führen, da sie die Sicht von “Laien” auf den Forschungsgegenstand vermitteln. Gerade im Bereich der volkssprachlichen Literaturen des Mittelalters ist diese Perspektive äußerst spannend, da volkssprachliche Texte selbst mit einem laikalen Umfeld verbunden sind. Es verwunderte mich daher auch nicht, dass die Aspekte “Volkssprachlichkeit” und “Rezeption von Eschatologie durch Laien” bei den ZuhörerInnen meiner Lesung im Rahmen der Wissenswerkstatt den stärksten Anklang fanden, auch wenn ich mehr Diskussionsbedarf zur Apokalyptik erwartet hätte.

Die ZuhörerInnen zeigten sich vor allem daran interessiert, ob die volkssprachliche Vermittlung eschatologischer Inhalte, angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass die breite Masse des Lesen und Schreibens unkundig war, eher als elitäre Abgrenzung (Heilsperspektive nur für die finanzielle und intellektuelle Eliten) bzw. als gezieltes Infiltrations- und Abschreckunsinstrument (seitens der Kirche) zu betrachten sei. Denn wie sonst sollten sich Laien ein eigenes Bild machen, die Predigt und die Bibel wären ja auf Latein gewesen? Diese Fragen führten zu einer angeregten Diskussion über mittelalterliche Formen von Bibelübersetzungen, zum Beispiel, dass die Bibelübersetzung Luthers zwar sehr wichtig war, aber kein Novum (siehe zum Beispiel das Akademienvorhaben zum sogenannten „Österreichischen Bibelübersetzer“), volksprachlichen Formen von Theologie und Eschatologie, insbesondere der Rolle der volkssprachlichen Predigt (z.B. bei Berthold von Regensburg) und Mystik (z.B. bei Meister Eckhart) und der Vermittlung von eschatologischen und allgemeinen theologischen Inhalten über bildliche Darstellungen (wie zum Beispiel dem außergewöhnlichen Antichrist-Zyklus in der Marienkirche in Frankfurt an der Oder). Die Diskussion zeigte, dass es sehr interessant wäre, in einem interdisziplinären, internationalen Forschungsprojekt der Frage der Formen, Rolle und Entwicklungstendenzen der Eschatologie und Prophezeiungen in den europäischen Volkssprachen nachzugehen und ein systematisches Inventar relevanter Texte, Passagen und künstlerischer Darstellungen anzulegen und auszuwerten.

Des Weiteren wurde in der Diskussion thematisiert, dass – trotz der großen Gemeinsamkeiten zwischen dem mittelniederländischen, mittelniederdeutschen und mittelhochdeutschen Sprachgebiet (als Teilen des römisch-deutschen Kaiserreichs), der Alphabetisierungsgrad in den dichtbevölkerten Städten der Niederen Lande bedeutend höher war und eine deutliche “Sprachschwelle” zwischen dem oberdeutschen Sprachgebiet und dem niederdeutschen und niederländischen Sprachgebiet bestand. Gerade wegen dieser Sprachschwelle ist die relativ singuläre Existenz einer oberdeutschen Übersetzung der mittelniederländischen Vierten Partie, einer der während der Lesung besprochenen Texte, besonders bemerkenswert. Noch ist weder der Hintergrund ihrer Existenz noch ihr Inhalt gebührend untersucht (siehe unten, Literatur), hier spielt vielleicht nicht zuletzt die (künstliche) neuzeitliche Trennung zwischen Niederlandistik und Germanistik eine zweifelhafte Rolle.

Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, ms. germ. quart 2018

Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, ms. germ. quart 2018

Die Vierte Partie war auch physikalisch in der Wissenswerkstatt anwesend. Prof. Dr. Eef Overgaauw, der Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, war so freundlich, ein Exemplar im Rahmen des Vortrags vorzustellen (Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, ms. germ. quart 2018). Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, welchen Eindruck der hautnahe Kontakt mit einer Handschrift auf “Laien” macht. Aber auch die anwesenden Experten konnten sich der Faszination “Objekt” nicht entziehen, die sich gerade angesichts des zunehmenden Umgangs mit digitalisierten Quellen (für die wir sehr dankbar sind!) sicherlich noch weiter steigern wird.

Bemerkenswert fand ich die geäußerte Enttäuschung angesichts der Schlichtheit der Handschrift der Vierten Partie, die außer den Wappenzeichen des Auftraggebers und seiner Familie keine einzige Miniatur enthält (dafür aber einige sehr interessente Marginalia). Prunkhandschriften scheinen das “Image” mittelalterlicher Handschriften nachhaltig zu prägen, wenn nicht sogar zu verzeichnen, ähnlich wie die Prominenz literarischer “Leuchttürme”, wie zum Beispiel dem Nibelungenlied, die Tatsache verschleiert, dass die Mehrheit der bis heute bewahrten mittelalterlichen Handschriften geistlichen Inhalt haben und zum Großteil unerforscht sind.

Über Kommentare und Anregungen zu diesem Post, über die Kommentarfunktion, oder Facebook und Twitter, freue ich mich.

Weiterführende Literatur:

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