Leipzig und DH: Impressionen

Summary: A lot has changed in the Humanities since I had my first academic job in the context of an edition project at Leipzig University. The ongoing digital transformation of all humanities disciplines asks for more self-reflection on methodologies and early as well as life long training. Leipzig is with the European Summer University in Digital Humanities and other important DH activities and actors a DH hot spot and therefore was a very fitting place for a presentation of the PARTHENOS Training Suite. 

Von 2003-2005 hatte ich meine erste Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Niederlandistik der Universität Leipzig und bearbeitete dort zwei Editionen mittelniederländischer Texte. Diesen Juli hatte ich endlich wieder die Gelegenheit nach Leipzig zurückzukehren. Das letzte Mal, die DHd-Konferenz in Leipzig (2016), die ich noch immer in sehr guter Erinnerung habe – auch wegen meines ersten Besuchs im legendären Faustischen Auerbachs Keller (!), aber das nur am Rande – war inzwischen schon wieder eine Weile her. Der Anlass war die Einladung im Rahmen der European Summer University in Digital Humanities 2017 die PARTHENOS Training Suite zu präsentieren. Das GWZ in der Beethovenstraße, mein alter Dienstort, gibt es zwar noch immer, aber vieles hat sich verändert, an der Uni Leipzig und in den Editionswissenschaften. Genau der richtige Hintergrund für eine persönliche Reflektion.

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ESU 2017 Poster

Im Jahr 2003 steckten die digitalen Editionswissenschaften und vor allem die TEI (Text Encoding Initiative) noch in den Kinderschuhen, bzw. waren noch weit entfernt von dem enormen methodologischen Einfluss, den sie danach nehmen sollten (Link: Geschichte der TEI). Es stand natürlich auch damals außer Frage, dass die mittelniederländischen Editionen digital gemacht werden sollten. Aber digital bedeutete im Rahmen des Projekts mit Hilfe eines Textverarbeitungsprogramms, nicht mit XML-Editoren, oder dem damals noch stark verbreiteten, aber für die meisten Anwendungsfälle viel zu komplexen TUSTEP.

Die Editionen der beiden mittelniederländischen Texte sind schon lange erschienen. Es ist mir nicht bekannt, ob die Textdateien noch existieren, aber selbst wenn, das Endprodukt war eben keine digitale oder Hybrid-Edition, sondern eine Druckausgabe. Vier Gedanken:

  • Es zählte bei den Textdateien nur das “Aussehen” der Druckfassung und keine standardisierte Auszeichnung, wie es die TEI möglich macht, damit diese Texte in anderen Zusammenhängen, in Portalen oder mit Hilfe von Tools nachnutzbar gemacht werden können, ganz abgesehen vom Online-Zugriff.
  • Auf der anderen Seite hatte der Editor ein leichtes Spiel und konnte fachwissenschaftliche und technische Workflows gut in seiner Person vereinen. Wenn man ansatzweise die “Tücken” seines Textverarbeitungsprogramms kannte, war die Lernkurve relativ gering.
  • Heute gibt es eine viel stärkere Ausdifferenzierung der Rollen, nicht zuletzt einer der Gründe, warum digitale Editionen viel mehr in Teams als durch Einzelpersonen erstellt werden.
  • Die Versionierung war ein Graus, vor allem wenn zwischendurch Andere Kontroll- oder Teilaufgaben übernahmen, da alles in einem Dokument und (lange Zeit vor Cloud-basierten Kollaborationswerkzeugen) offline passierte.

Es ist inzwischen fast Gemeingut, dass der verstärkte wissenschaftliche Einsatz digitaler Tools, Methoden und Standards wie der TEI etc. in den Geisteswissenschaften nach Zusatzqualifikationen und methodologische Reflektionen verlangen. Natürlich darf dabei das Fachwissen nicht außer Acht gelassen werden. Wenn niemand mehr historische Handschriften lesen kann und das editionswissenschaftliche und fachwissenschaftliche Know-How und Methodenverständnis fehlen, helfen auch die TEI-Richtlinien und XML-Editoren nicht weiter… Deshalb sind maßgeschneiderte Schulungs- und Weiterbildungsangebote, ob im Rahmen universitärer Curricula oder als Workshops, Summer und Winter Schools sowie Online-Angebote für StudentInnen, Wissenschaftliche MitarbeiterInnen bis zu ProfessorInnen etc. ungemein wichtig. Nicht nur, um die Praxis zu lehren, sondern auch um über die Vor- und Nachteile, bzw. Verbesserungspotentiale zu reflektieren. Jedes Produkt lebt letztendlich vom Nutzerfeedback und sein “Marktwert” steigt mit dem Bekanntheits- und Einsatzgrad. Auf Niederländisch gibt hierzu das sehr treffende Sprichwort “Onbekend maakt onbemind” (Unbekannt macht Ungeliebt)… Ich habe beispielsweise noch während meines Masters Editionswissenschaft im Bereich Digitale Editionen “nur” TUSTEP und InDesign gelehrt bekommen, die Mächtigkeit der TEI ist mir erst später bewusst geworden, als ich mich verstärkt für digitale Editionswissenschaft zu interessieren began. Thanks to DH Oxford!

Die European Summer University (ESU) in Digital Humanities unter der Leitung von Prof. Elisabeth Burr ist ein sehr gelungenes Beispiel für ein Format, dass zum einen die Potentiale digitaler Forschung aufzeigt und zum anderem Hands On die benötigten Kompetenzen vermittelt und kritisch die Methoden befragt. Besonders spannend an der ESU ist die breite “Streuung” des Publikums, sowohl geographisch als auch soziologisch (in dem Sinn, dass tatsächlich unter den TeilnehmerInnen eine Spannbreite von StudentenInnen bis ProfessorInnen zu finden ist). Ein passender Ort somit auch die durch das H2020-Projekt PARTHENOS entwickelten Trainings- und Schulungsmaterialien und -formate, die PARTHENOS-Training Suite, im Rahmen einer Projektpräsentation vorzustellen. Noch einmal herzlichen Dank für die Einladung und die perfekte Organisation!

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Auslage an der ESU Registrierung

Die ESU und der Lehrstuhl von Prof. Burr sind jedoch nicht der einzige DH Hot Spot in Leipzig. Besonders zu nennen ist natürlich der Humboldt Chair of Digital Humanities mit dem Lehrstuhlinhaber Prof. Gegory Crane und seinem Team, aber auch die DH Aktivitäten der Universitätsbibliothek Leipzig. Zu letzterem könnte man fast sagen, dass DH + Bibliotheken ein “Match in Heaven” sind. Bibliotheken haben meist genau die Bestände, mit denen man DH “machen” kann. Aber wie kommt die DH Community an diese Daten? Sie kann ja nicht alles selbst digitalisieren, das wäre nicht nur uneffektiv, sondern ist auch nicht immer möglich. Ein Aufgabe, der sich Bibliotheken daher verstärkt annehmen, ist die Digitalisierung und die Bereitstellung und Archivierung der Daten aus Digitalisierungsprojekten. Besonders begrüßenswert für die Forschung ist es dann, wenn dies im Rahmen einer Open Digitization Stategy, wie an der Universitätsbibliothek Leipzig geschieht, und die Daten zum Beispiel über Digitale Sammlungen präsentiert und in an andere Recherche- und Verarbeitungssysteme weitergeben werden.

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Universitätsbibliothek Leipzig (Albertina)

Last but not least ist in Leipzig auch einer der beiden Sitze der Deutschen Nationalbibliothek, deren Stategische Prioritäten 2017-2020 stark durch digitale Innovationen gepägt sind.

Wer jetzt Lust bekommen hat nach Leipzig zu fahren. Neben DH sind nicht zuletzt der eindrucksvolle Kopfbahnhof und die atmosphärische Innenstadt eine Reise wert. Wenn die Reise noch etwas Aufschub erfordert, sei ein virtueller Besuch der DNB, genauer gesagt der Austellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Zeichen – Bücher – Netze (2014) empfohlen. Leipzig lohnt sich!

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Leipzig Hauptbahnhof

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