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Wer wird Millionär? Mittelalterrezeption in Quizfragen

Christian Schwaderer und Ulrike Wuttke

Cite as: Christian Schwaderer & Ulrike Wuttke, Wer wird Millionär? Mittelalterrezeption in Quizfragen, Blogpost, 03.09.2019, CC-BY 4.0. Link: https://ulrikewuttke.wordpress.com/2019/09/03/wer-wird-millionar

“Wer wird Millionär?” befindet sich fest in mediävistischer Hand. So souverän wie der Mittelalterhistoriker Eckhard Freise, der am 2. Dezember 2000 zum allerersten Mal die Millionenfrage knacken konnte, gewann selten ein Kandidat in der populären Quizshow, die vom großartigen Günther Jauch, seiner schlagfertigen Interaktion mit den Kandidat*innen und natürlich den immer wieder aufs Neue unterhaltsamen Fragen (und Antworten!) des WWM-Redaktionsteams lebt (mehr zur Sendung auf Wikipedia).

Heute wird “Wer wird Millionär” 20 Jahre alt. Höchste Zeit also, für eine kleine Jubiläums-Plauderei eine kleine, aber fein und lange gepflegte Sammlung von WWM-Mittelalter-Fragen aus den Jahren 2010 bis 2015 auszugraben und endlich eine längst überfällige Frage zu beantworten: Wie wird das Mittelalter bei “Wer wird Millionär” dargestellt?

Abbildung adaptiert von Christian Schwaderer auf Basis von “Miniature of Gawain in a green robe seated before master Blaise, who is holding a knife and quill, writing down his adventures as he is telling them”. Photo courtesy British Library (BLMedieval Additional 10292 f. 137) Image source British Library.

Das “finstere Mittelalter”

Das Mittelalter hat einen schlechten Ruf. Seit dem es die Humanisten in der Renaissance schlecht gemacht haben, um selbst besser dazustehen, steht fest: Das Mittelalter war eine dunkle Zeit. Man glaubte, dass die Erde eine Scheibe sei, schlug ständig aufeinander ein und war ziemlich ungebildet. 

Das Klischee des finsteren Mittelalters hat sich seitdem in den Köpfen der Menschen festgesetzt und wird noch heute immer wieder gerne bedient. WWM macht hier keine Ausnahme. (Siehe hier für eine “Gegendarstellung”.)

Beginnen wir mit einer Frage, die das “finstere Mittelalter” selbst anspricht:

Screenshot: WWM-Frage vom 26.09.2011 für 500 EU: Womit musste ein Übeltäter im finsteren Mittelalter unter Umständen rechnen? A: einsaddieren, B: zweiabziehen, C: dreimalnehmen, D: vierteilen.

Eine ähnliche schöne Mischung aus Wortspiel und Gewalt stellt diese Frage dar:

Screenshot: WWM-Frage vom 20.02.2012 für 300 EU: Womit schlugen rauflustige Gesellen im Mittelalter aufeinander ein? A: Hannawald, B: Ammann, C: Morgenstern, D: Schlierenzauer

Zu bemerken ist in diesem Zusammenhang, wie hier versucht wird, altertümlich oder gar vermeintlich mittelalterlich zu formulieren: “Übeltäter” und “rauflustige Gesellen”.

Nur ein klein wenig differenzierter gibt sich diese Frage:

Screenshot: WWM-Frage vom 23.04.2010 für 2 000 EU: Wer war im späten Mittelalter ziemlich berüchtigt? A: Valbanienväter, B: Vungarnschwäger, C: Vösterreichonkels, D: Vitalienbrüder

Wenn außerhalb der Wissenschaft “Das Mittelalter” nur nebenbei erwähnt wird, wird sehr selten zwischen dessen früheren und späteren Abschnitten unterschieden. Dagegen wird hier mit der Präzisierung vom “späten” Mittelalter nicht nur der Tatsache Rechnung getragen, dass die gesuchte Räuberbande nicht über 1000 Jahre aktiv war, sondern vielleicht gar bedacht, dass in anderen mittelalterlichen Phasen die Bedingungen ganz andere waren.

Die letzte Frage unser Kategorie “finsteres Mittelalter” bringt zusätzlich ein skandalöses Element mit ein:

Screenshot: WWM-Frage vom 18.11.2010 für 8 000 EU: Der Vater des im sechsten Jahrhundert lebenden Papstes Silverius …? A: baute den Kölner Dom, B: kannte Jesus persönlich, C: war selbst einmal Papst, D: hieß Karl-Heinz

“Ein Papst, der einen Sohn hat! Unerhört! So etwas kann es nur im düstersten Mittelalter gegeben haben!”, mag der Zuschauer denken.

Es ist nicht in allen Fällen eindeutig, ob die WWM-Redaktion das Klischee vom “finsteren Mittelalter” unabsichtlich reproduziert oder willentlich mit ihm spielt. Wenn es schon direkt in der Frage heißt “im finsteren Mittelalter”, es um brutale Hinrichtungen geht und auf die angeblich allgegenwärtigen Gewaltbereitschaft, ist jedoch ersteres zu unterstellen. Zumal in unserer kleinen Sammlung nirgendwo ein echtes Gegenbeispiel zu finden ist: Nirgendwo findet sich eine Frage-Antwort-Paarung, die mit der populären negativen Erwartungshaltung zum Mittelalter bewusst bricht.

Tatsächlich jedoch ist der Vorgang weniger skandalös, als es zunächst den Anschein haben mag. Gerade in der frühen Zeit der Kirche waren spätere Bekehrungen zu einem kirchlichen Amt nicht unüblich. Zudem scheint Silverius’ Vater Homisdas ein relativ unbescholtener Inhaber des Heiligen Stuhls gewesen zu sein, der noch dazu recht lange im Amt war, ganz im Gegensatz zu seinem Sohn.

Steckenpferde

Unsere geneigte Leserschaft wird sicherlich verzeihen, dass bei folgender Frage die gegebene Antwort bereits markiert und so der Mitratespaß etwas getrübt ist:

Screenshot: WWM-Frage vom 12.04.2010 für 300 EU: Als Heinrich der Vierte den berühmten Gang nach Canossa antrat, war sein Gegenspieler Papst …? A: Paul der Reinigte, B: Clemens der Klärte, C: Leo der Filterte, D: Gregor der Siebte

Entscheidend sind hier jedoch nicht so sehr die Antwortoptionen (auch wenn wir die Kreativleistung der Fragenredaktion keinesfalls in Abrede stellen wollen), sondern der Inhalt der Frage: der Gang nach Canossa.

Nach jenem berühmten Treffen von Papst und König wurde auch ganz klassisch gefragt. Hierzu gibt es in der “Sammlung Schwaderer” leider keinen Screenshot, daher sei eine Frage, die ca. 16 000 Euro wert war, aus dem Kopf zitiert:

Der Gang nach Canossa war eine direkte Folge des…

  1. Trojanischen Kriegs
  2. Investiturstreits
  3. Wiener Kongresses
  4. Boxeraufstands

Es nicht der richtige Ort, die Frage fachwissenschaftlich zu erörtern. (Es sei daher dahingestellt, ob man der Redaktion hier vorwerfen kann, Rudolf Schieffers berühmte Habilitationsschrift nicht rezipiert zu haben, wonach der “Investiturstreit” erst nach dem Gang nach Canossa seine volle Wucht auf die Bühne des Weltgeschehens entfaltete.)

Entscheidend ist vielmehr, dass – selbst in einer so kleinen Stichprobe – das Reizwort “Canossa” so oft auftaucht – etwa als falsche Antwortmöglichkeit abseits von Mittelalterfragen. Dazu diese zwei Beispiele:

Screenshot: WWM-Frage vom 22.10.2012 für 500 EU: Wer sich vor Gericht durch alle Instanzen klagen will, droht: “Ich gehe …!”? A: über die Wupper, B: nach Canossa, C: auf dem Jakobsweg, D: bis nach Karlsruhe

Nun hat man generell den Eindruck, dass bei WWM gewisse Themen immer wieder auftauchen. Man könnte fast meinen, dass die Mitglieder der Redaktion ihre Steckenpferde haben, die sie immer wieder reiten. 

Und doch scheint etwas mehr dahinter zu stecken.

Offensichtlich sehen die Fragesteller*innen “Canossa” als ein Schlagwort, das Assoziationen weckt. Die Redaktion scheint davon auszugehen, dass potenziellen Kandidat*innen vom “Gang nach Canossa” schon einmal gehört haben, diesen aber nicht unbedingt genau zuordnen können. Vielleicht verspüren die Damen und Herren gar diebische Freude beim Versuch, die Kandidat*innen mit dem sperrig-vagen Canossa-Reizwort aufs Glatteis zu führen. Das jedenfalls erscheint wahrscheinlicher als eine “Canossa-Obsession”, wie man sie vielleicht einem Bismarck (“nach Canossa gehen wir nicht”) unterstellen darf.

Etwas weniger deutlicher, aber doch einer Erwähnung wert ist die Sache mit den Karolingern, genauer genau sagt: einem bestimmten Karolinger. Tief aus der Wortspielkiste hat sich diese Frage ans Tageslicht geschlichen:

Screenshot: WWM-Frage vom 02.02.2015 für 100 EU: Wenn Karl der Große lustige Geschichten zum Besten gab, dann erzählte der …? A: Brech Bohnen, B: Mohr Rüben, C: Kicher Erbsen, D: Kaiser Schoten

Man wüsste zu gerne, warum die Wahl gerade auf Karl den Großen fiel. Der Frage als solche hätte jeder Träger des Titels (nicht nur im Mittelalter) genüge getan. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass die Redaktion bewusst einen Herrscher ausgewählt hat, von dem es heißt, dass er sich – modern gesprochen – selbst gerne reden hörte. Möglicherweise hatten die Redakteur*innen folgende Worte Einhards über Karl den Großen im Ohr: “Dabei war er so redegewandt, dass er fast geschwätzig erschien” (Vita Karoli, cap. 25).

Eine weitere Karl-Frage aus unserem Bestand weist jedoch eher in die Richtung “Steckenpferd”:

Screenshot: WWM-Frage vom 23.05.2013 für 32 000 EU: Wessen Vater war Pippin der Kleine? A: Karl der Große, B: August der Starke, C: Philipp der Schöne, D: Heinrich der Löwe

Natürlich ist der Beiname “der Kleine” ein gewisses Kuriosum und Pippin kennt man aus der Herr der Ringe, aber der Verdacht liegt nahe, dass hier jemand ausgehend von Karl dem Großen nach passenden Fragen gesucht hat.

Überspitzt gesagt: Wenn nach einem mittelalterlichen Herrscher gefragt wird, dann nach Karl dem Großen.

Zwischen Funfact und klassischem Bildungsgut

Eine weitere Kategorie bilden Fragen, in deren Mittelpunkt mehr oder weniger bekannte geschichtliche Ereignisse und Personen stehen. Auch hier stehen Themen, die etwas mit dem heutigen Deutschland zu tun haben, hoch im Kurs, aber auch “internationalere” Wissensstrukturen kommen vor. 

Die Fragen dieser Kategorie sind weniger von Klamauk geprägt und setzen oftmals eine fundierte Allgemeinbildung voraus. Hier freut sich der versierte Zuschauer meist diebisch, wenn er die richtige Antwort weiß (hé!) bzw. es kommt zu einem kathartischen Aha-Effekt. 

Einige dieser Fragen zählen mehr zur Kategorie “Dinge, die man nicht unbedingt wissen muss, aber auf einer Party gut ankommen, um Eindruck zu machen”. So würden wir vermuten, dass Behaim, der Erfinder des Erdglobus, den Meisten nur aus dem allgegenwärtigen Straßennamen bekannt ist (z. B. Behaimstraße in Berlin-Charlottenburg oder Berlin-Weißensee), ohne dass sie sich seiner bahnbrechenden Erfindung bewusst sind.

Screenshot: WWM-Frage vom 17.11.2011 für 1 000 000 EU: Dem Nürnberger Martin Behaim verdanken wir den ältesten erhaltenen …? A: Zirkel, B: Rechenschieber, C: Erdglobus, D: Magnetkompass

Die folgende Frage funktioniert nach dem Schema “berühmte erste Sätze (Buchanfänge)”, ein nicht nur bei Mediävisten beliebtes Thema (hier eine englischsprachige Sammlung).

Screenshot: WWM-Frage vom 11.10.2013 für 16 000 EU: Was beginnt mit “Uns ist in alten maeren wunders vil geseit, von helden lobebaeren, von grôzer arebeit”? A: Der Struwwelpeter, B: Der Mond ist aufgegangen, C: Der Herr der Ringe, D: Nibelungenlied

Gut möglich, dass wir es hier statt mit Mittelalterrezeption mit Mittelalterforscherrezeption zu tun haben. Schließlich ist nicht abzustreiten, dass sich wohl jeder an einen bestimmten Typus Wissenschaftler*in erinnern kann, der oder die sich (ungefragt) ständig mit dem Wissen um erste Sätze brüstet (für Anglisten sicherlich klassisch “Hwæt! Wé Gárdena in géardagum odcyninga þrym gefrúnon”, Anfang des Beowulf). Da diese sogenannten Inzipits besonders im Mittelalter das wichtige Unterscheidungsmerkmal von Texten waren (Titelblätter waren noch nicht erfunden), sei diese kleine Marotte vergeben. Wer im Zeitalter der Titelbilder geboren ist und daher den Anfang des Nibelungenliedes nicht auswendig kennt, müsste sich in diesem Fall erschließen, dass es sich um eine alte Form des Deutschen handelt, und die anderen Texte nach dem Ausschlussverfahren eliminieren.

Relativ fundiertes historisches Wissen setzt diese folgende Frage voraus, dessen Grundthema wohl “Starke Frauen” sind.

Screenshot: WWM-Frage vom 13.01.2012 für 32 000 EU Wessen 600. Geburtstag wurde am 6. Januar gefeiert? A: Jeanne d’Arc, B: Nofretete, C: Lucrezia Borgia, D: Maria Theresia

Nofrete und Maria Theresia scheiden relativ schnell aus, die anderen beiden Protagonistinnen, Jeanne d’Arc und Lucrezia Borgia, liegen jedoch historisch sehr dicht beieinander. Wir wollen jetzt nicht kritisieren, dass die richtige Antwort weniger eindeutig ist, als sie erscheinen mag, da zwar das Geburtsjahr relativ gut belegbar ist, aber der genaue Tag wohl für immer in den Nebeln der Geschichte verbleiben wird, wie übrigens bei vielen mittelalterlichen Persönlichkeiten, da nur in den wenigsten Fällen genau “Buch geführt” wurde (übrigens in vielen Gegenden noch lange bis in die Gegenwart hinein). Aber recherchieren Sie einmal selbst!

Nicht weniger knifflig ist auch die folgende Frage:

Screenshot: WWM-Frage vom 27.04.2012 für 64 000 EU: Welche Insel wurde wahrscheinlich erst vor knapp 750 Jahren von Menschen besiedelt? A: Island, B: Jamaika, C: Kreta, D: Neuseeland

Relativ überraschend ist die Antwort und wir wollen an dieser Stelle nur soviel verraten, dass die Protagonisten dieser Besiedlung lange Zeit nicht gebührend geschätzt wurden.

Schlussendlich kann nach klassischem Bildungsgut auch in (durchaus gelungenen) Wortspielen gefragt werden:

Screenshot: WWM-Frage vom 17.01.2011 für 500 EU: Welche historisch bedeutende Persönlichkeit starb 1468 in Mainz? A: Westawelle, B: Tritthin, C: Wullf, D: Gutenberg

Das Aufgreifen von Namen deutscher Politiker aus dem frühen 21. Jahrhundert, mithin die Verbindung zum Heute, ist hier rein spielerischer Natur. Das ist in unserer letzten Kategorie ein wenig anders.

Das Früher und das Heute

Nicht weit vom Funfact, aber um eine entscheidende Nuance reicher präsentiert sich diese Frage:

Screenshot: WWM-Frage vom 09.05.2011 für 32 000 EU: Der im 6. Jh. wirkende Mönch Dionysius Exiguus hat maßgeblichen Anteil daran, dass wir heute …? A: in Deutschland leben, B: im Jahr 2011 leben, C: in einer Demokratie leben, D: in Saus und Braus leben

Gefragt wird hier nach der Lebensleistung eines weithin unbekannten Menschen und die Antwortoptionen sind ein buntes Allerlei – doch ihnen ist eines gemeinsam: Sie beziehen sich alle auf aktuelle Zustände. Das entscheidende Wörtchen in der Frage lautet “heute”. Geschichte gibt es nur in der Gegenwart – das gilt auch für Geschichtsfragen in der Quizshow.

Neben Fragen zu solchen Einzelphänomenen erfreuen sich Völker und Regionen großer Beliebtheit, wenn es um die Erklärung des Heute durch die Geschichte geht. Gerne zielen Fragen hier auf (echte oder falsche) Etymologien ab. Ein schönes Beispiel stellt diese – durchaus lösbare – Frage für 4000 Euro dar:

Screenshot: WWM-Frage vom 24.02.2011 für 4 000 EU: Welche Region verdankt ihren Namen der Besiedlung durch die Wikinger vor über 1.000 Jahren? A: Normandie, B: Transsilvanien, C: Toskana, D: Andalusien

Von “Wikingern” zu “Normannen” zur “Normandie”. Die Show verlangt hier ein wenig Gedankenleistung, zeigt aber vor allem auf, dass Namen von Regionen nicht zufällig mit einem Passwortgenerator zusammengewürfelte Buchstabenfolgen sind (obwohl sie einem manchmal so erscheinen), sondern dann und wann durchaus einen Sinn haben – und sich dieser Sinn erschließen lässt, wenn man über ein wenig historisches Verständnis verfügt. Ob man den Quizmacher*innen an dieser Stelle nun pädagogischen Impetus (oder gar das geflissentliche Befolgen eines medialen Bildungsauftrags) unterstellen sollte, wollen wir wieder einmal dahingestellt sein lassen.

Für 125 000 Euro muss sich die Kandidatin hingegen auf weitaus schwierigeres Transferleistungsterrain begeben – als Ausgleich für die zu erwartenden geistigen Mühen bekommt sie die Antwortmöglichkeiten jedoch als allseits beliebtes Wortspiel präsentiert:

Screenshot: WWM-Frage vom 16.11.2012 für 125 000 EU: Wobei handelt es sich um einen germanischen Volksstamm, der im heutigen Hessen lebte? A: Simsen, B: Mailen, C: Chatten, D: Posten

Es wäre sicherlich überinterpretiert, wenn man nun behaupten würde, hier ein besonders gelungenes Beispiel für die Tatsache vor sich zu haben, dass sich moderne Technik und Geschichte nicht ausschließen, sozusagen eine Synthese von Social-Media des 21. Jahrhunderts und europäischer Frühgeschichte.

Kehren wir zurück zu den Etymologien. Es folgt ein Beispiel für eine zumindest fragwürdige Herleitung:

Screenshot: WWM-Frage vom 15.10.2012 für 64 000 EU: Zentrum des Reichs, das der Hunnenkönig Attila im 5. Jh. errichtete, war das heutige …? A: Thüringen, B: Anatolien, C: Lappland, D: Ungarn

Für unseren Punkt ist die Frage, ob Ungarn und Hunnen nun tatsächlich sprachlich zusammenhängen oder nicht, gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Quizmacher*innen auf solch eine Herleitung abzielen: Das heutige Ungarn heißt Ungarn, weil im 5. Jahrhundert dort die Hunnen herrschten.

Solch eine Erklärung der Gegenwart mit der Geschichte muss in Quizfragen jedoch nicht immer platt sein. Sie kann durchaus auch indirekt funktionieren, wie wir sehr schön an dieser Frage sehen:

Screenshot: WWM-Frage vom 28.10.2011 für 64 000 EU: Wer lebte vor rund 1.000 Jahren zwischen Elbe und Weser? A: Nordpreußen, B: Ostfalen, C: Südgoten, D: Westbajuwaren

Hier ist die Transferleistung weniger bei der Kandidatin als viel mehr beim Zuschauer gefragt. Er muss sich die Relevanz der Frage für sein Weltverständnis indirekt erschließen: Das “West” in “Westfalen” wird klarer, wenn man weiß, dass es dereinst auch “Ostfalen” gab.

In gewisser Weise rechtfertigt sich die Quiz-Frage selbst. Unterhaltung braucht Relevanz, eine gute Frage zeichnet sich nicht zuletzt durch ihre Anschlussfähigkeit an die Erfahrungswelt der Zuschauer*innen aus. Oder anders gesagt: Man will beim Betrachter ein wütend-schnaubendes “Das weiß doch keiner!” vermeiden und stattdessen ein wohlwollendes “Ach, daher kommt das!” evozieren.

Fazit

Wenig überrascht, was sich in unserem kleinen Sample nicht findet: Kontroversen, Zweifelsfälle, Trends und Theorien der Forschung interessieren nicht. Gefragt wird nach (vermeintlich) harten Fakten.

Fassen wir das, was die Mittelalter-Frage bei “Wer wird Millionär” prägt, überspitzt zusammen, kann man sagen: Der Zuschauer darf weiter an das “finstere Mittelalter” glauben, soll aber gleichzeitig erkennen, dass ihm ein bisschen Mittelalterwissen für Partygespräche und Weltverständnis nützlich sein kann.

Und was würde das Mittelalter dazu sagen? Ungefragt zum Quizfragen-Objekt geworden zu sein dürfte der Epoche womöglich genauso wenig gefallen wie zum Quizfragen-Objekt-Analyse-Blogpost-Gegenstand aufgestiegen zu sein. Zumal wir nicht einmal wissen, ob Quizze auch schon im Mittelalter populär waren. Populär waren jedoch auf jeden Fall Frage-und Antwortbüchlein. (Einen kleinen Einblick in die mittelniederländische Version eines der populärsten Vertreter, nämlich des Livre de Sydrac,  bietet diese archivierte Webseite.) In diesen Texten ging es darum, dass einem Unwissenden von einer Autorität im Frage-Antwort-Wechsel die Welt erklärt wird – und das ist gar nicht weit weg von “Wer wird Millionär” und Günther Jauch.