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Herausforderungen für die Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Cite as: Ulrike Wuttke, Herausforderungen für die Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Blogpost, 14.02.2020, CC BY 4.0. Link: https://ulrikewuttke.wordpress.com/2020/02/12/oa-in-den-geistes-und-sozialwissenschaften/

Einleitung

Immer wieder beschäftigt mich das Thema der Öffnung der Geisteswissenschaften, ob in Projekten, Workshops oder Publikationen. Gerne benutze ich in diesem Kontext die Bezeichnung Open Scholarship bzw. Open Humanities, weil der Begriff Open Science teilweise als ausgrenzend gegenüber den Geisteswissenschaften wahrgenommen wird.

Nach einem Blogpost zusammen mit E. Tóth-Czifa mit dem Thema Loners, Pathfinders, or Explorers? How are the Humanities Progressing in Open Science? mit vielen positiven Open Humanities-Beispielen, gebe ich in diesem Blogpost eine kurze Übersicht über sieben Herausforderungen der Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Meine Annäherung an das Thema erfolgt insbesondere aus der Sicht von wissenschaftlichen Bibliotheken und skizziert einige relevanten Open-Access-Publikationsdienstleistungen, Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen. In der gemeinsamen Betrachtung der Geistes- und Sozialwissenschaften folge ich dem Beispiel wissenschaftspolitischer Diskussionen, in der oft die Kategorie SSH (Social Sciences and Humanities) zu finden ist, ich habe aber auch – trotz aller Kürze – dem Fakt Rechnung getragen, dass beide Disziplinen ihre Eigenheiten aufweisen.

Als Hauptherausforderung für die Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften sehe ich den Fokus auf klassischen, narrativen Formaten, die in generellen Open-Access-Diskussionen nicht immer genügend Aufmerksamkeit bekommen, aber auch disziplinspezifische Barrieren bezüglich des offenen Zugangs zu Daten und fehlende Annerkennung für Datenpublikationen bzw. alternative Forschungsprodukte. Am Ende sind einige weiterführende für diesen Post verwendete Ressourcen aufgeführt.

Open Access: Vision und Status Quo

2003 wurde in der Berliner Erklärung Open Access zu wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsdaten zum Ziel definiert. Wenn wir heute, fast 20 Jahre später, versuchen uns der Frage, wie es um diese aus der Wissenschaft heraus entstandene Bewegung mit der Vision des weltweiten, freien Zugangs zum menschlichen Wissen über das Internet, in den Geistes- und Sozialwissenschaften steht, quantitativ zu nähern, stoßen wir schnell an Grenzen. Aufgrund der Komplexität der Fragestellung liegen momentan kaum umfassende, verlässliche Erhebungen über den OA-Anteil in bestimmten Disziplinen vor.

Open-Access.net Logo (Public Domain), Quelle Wikimedia

2018 wurde geschätzt, dass weltweit erst circa 25% ALLER publizierten Artikel Open Access sind, zu Forschungsdaten liegen keine belastbaren Zahlen vor. Oftmals werden die Geistes- und Sozialwissenschaften als OA-“Nachzügler” bezeichnet und es weisen auch einige quantitative Erhebungen in diese Richtung. Daher ist es berechtigt, die Gründe für den langsamen Fortschritt beziehungsweise spezifische Herausforderungen bezüglich einer umfassenden Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu hinterfragen, weil sie insbesondere
1) bei wissenschaftspolitischen Diskussionen,
2) im Gespräch mit Wissenschaftler*innen sowie
3) der Konzeption von OA-Dienstleistungen zu bedenken sind.

Die folgende Zusammenschau disziplinspezifischer Herausforderungen soll insbesondere die Gefahr unterstreichen, konkrete Bedarfe der Geistes- und Sozialwissenschaften zu übersehen, wenn der OA-Diskurs zu stark durch die STEM-Fächer dominiert wird, wie z. B. bezüglich der PlanS-Initiative kritisiert. Das nimmt natürlich nicht weg, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht aus in den STEM-Fächern bereits gemachten Erfahrungen lernen können.

Spezifische Herausforderungen der Open-Access-Transformation in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Klassische, narrative Publikationen

Herausforderung Nummer 1: Open-Access-Monografien

Weil die Geistes- und Sozialwissenschaften im Gegensatz zu den STEM-Fächern “Buchwissenschaften” sind, stellt die Integration von Open-Access-Büchern (d. h. von Monografien und Sammelbänden) eine großer Herausforderung dar. Handlungsbedarfe bestehen u. a. bezüglich tragfähiger Geschäftsmodelle für Open-Access-Monografien, der Sichtbarkeit von Open-Access-Monografien in lokalen Bibliothekskatalogen und darüber hinaus sowie der Metadatenqualität und -harmonisierung (siehe HIRMEOS).

Herausforderung Nummer 2: Überwindung des Printparadigmas

Die Publikationskultur der Geistes- und Sozialwissenschaften ist noch immer stark durch das Printparadigma geprägt. Die damit verbundenen starken allgemeinen Vorbehalte gegen das elektronische Publizieren im Allgemeinen (Zweifel an der Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit) wirken sich auch negativ auf die Akzeptanz von Open Access aus.

Herausforderung Nummer 3: Spezifika des Gratifikationssystems

Zu den Besonderheiten des geistes- und sozialwissenschaftlichen Gratifikationssystems zählt einerseits, dass ausschlaggebende Auswahlfaktoren für Zeitschriften vor allem “weiche” Metriken wie Prestige und Reputation (Renommee!) sind, weniger der (umstrittene) JIF oder andere bibliometrische Metriken wie der h-Index (beide durch Open Access durchaus “boostbar”) bzw. Open Access selbst. Dazu kommen anderseits Vorbehalte gegen die Qualität von Open-Access-Publikationen (die im Zusammenhang mit den Vorbehalten gegen elektronischen Publizieren stehen): selbst dort, wo gleichwertige Review-Verfahren Anwendung finden, gewährleisten diese bislang keineswegs eine gleichwertige Anerkennung.

Herausforderung Nummer 4: Finanzielle Besonderheiten der Forschungskultur

In den Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es im Vergleich zu Natur- und Lebenswissenschaften weniger durch Drittmittelgeförderte Projekte. Hierdurch fehlen Wissenschaftler*innen der ersteren Disziplinen Projektmittel um Open-Access-Publikationen in der Form von APCs (Artikel Processing Charges) bzw. noch höheren Beträgen für Open-Access-Monografien in Author-Pays-Modellen zu bestreiten. Zumindest in Deutschland sind hierdurch auch ihre Möglichkeiten eingegrenzt legal das Recht auf Zweitveröffentlichung wahrzunehmen. Außerdem fehlt Fördergebern hierdurch der sanfte “Hebel” Open-Access-Publikationen durch Fördervorgaben zu stimulieren.

Herausforderung Nummer 5: Unsicherheiten im Umgang mit offenen Lizenzen

Der hohe Stellenwert der Integrität der eigenen Publikationen und der allgemein unsichere Umgang mit rechtlichen Rahmenbedingungen führt zu Vorbehalten gegen offene Lizenzen.

Open Data

Open Data, d. h. Open Access zu Forschungsdaten, scheint in den Geistes- und Sozialwissenschaften noch wenig ausgeprägt. Die vielfältigen Gründe, die einer stärkeren Umsetzung des Open-Data-Prinzips in diesen Disziplinen, entgegenstehen, hängen teilweise mit bereits unter der Kategorie “Klassische, narrative Publikationen” zusammen.

Herausforderung Nummer 6: Fehlende Rechte an Forschungsdaten und sensible Forschungsdaten

Auch im Bereich Forschungsdaten stehen rechtliche Unsicherheiten einer umfassenden Open-Access-Transformation im Weg. Insbesondere in den Geisteswissenschaften ist es hinderlich, dass Forschungsdaten oft Digitalisate von Dokumenten der kulturellen Überlieferung aus dem GLAM-Bereich (Galleries, Libraries, Archives, and Museums) sind, die oft nicht unter freien Lizenzen bzw. nur unklaren Bedingungen zur Verfügung stehen. In den Sozialwissenschaften stellt der hohe Anteil besonders schützenswerter, sensibler Forschungsdaten eine Herausforderung dar. Hier bietet der Bezug auf die FAIR-Prinzipien und das Prinzip “so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig”, einen Lösungsweg.

Herausforderung Nummer 7: Mentalitätsfragen

Dazu kommen viele ungelöste Fragen bezüglich der Qualitätssicherung, der Verantwortlichkeiten der Langzeitarchivierung von Forschungsdaten und mit dem Gratifikationssystem zusammenhängende Mentalitätsfragen: Daten zählen in diesen Disziplinen noch nicht wirklich als eigenständige wissenschaftliche Objekte und selbstproduzierte Daten werden zudem stark als Eigentum, als Datenschatz für eigene klassisch, narrative Publikationen betrachtet. Einen Weg zeigt hier z. B. DORA (San Francisco Declaration on Research Assessment) auf, in der “the value and impact of all research outputs (including datasets and software) in addition to research publications” betont wird.

Fazit

Es gibt natürlich weder DIE Geistes- noch DIE Sozialwissenschaften. Es gibt sowohl Unterschiede zwischen beiden Disziplinen als auch intradisziplinäre Unterschiede, d. h. Unterschiede zwischen einzelnen Fächern dieser Disziplinen, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann. Ganz allgemein wird den Digital Humanities eine hohe Open Access-Affinität nachgesagt und die methodisch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften stehenden Sozialwissenschaften mit ihrer aus beiden Richtungen geprägten Publikationskultur scheinen insgesamt etwas OA-affiner zu sein.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften finden wir eine ausgeprägte Open-Access-Theorie- und Praxisschere: viele Wissenschaftler*innen finden Open Access im Prinzip gut, nicht zuletzt weil sie vom besseren Zugang profitieren, aber zögern (noch) es in der Praxis umzusetzen. Bei dieser positiven Grundeinstellung zu Open Access gilt es anzusetzen, insbesondere in den Bereichen:

  1. Entwicklung zeitgemäßer Anreizsysteme,
  2. Förderung von längerfristigen Lernprozessen durch Best-Practice-Beispiele und
  3. Verstärkter Nachdruck auf Data Literacy und Informationskompetenz bereits in der Lehre, denn Open Access und die FAIR-Prinzipien sind “gekommen um zu bleiben” als Teil der Leitlinien zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis (DFG-Kodex GWP 2019).

Die noch geringe Durchdringung der Geistes- und Sozialwissenschaften durch die Open-Access-Transformation bietet aber auch Chancen, z. B. zur Entwicklung fairer Modelle für den Nachweis, d. h. umfassender und unabhängiger Findewerkzeuge, die wiederum impulsgebend für andere momentan stark “kommerzialisierte” Disziplinen sein können, sowie alternativer Open-Access-Geschäftsmodelle.

Sandipoutsider, Open wing posture basking of Danaus melanippus Cramer, 1777 – White Tiger (Male) WLB DSC 2695, CC BY-SA 4.0

Hier sind natürlich nicht nur wissenschaftliche Bibliotheken gefragt, aber ihre besondere Stellung im Wissenschaftssystem bietet ihnen die Chance weitere Entwicklungen federführend zu prägen u. a.:

  • durch die nutzergetriebene Entwicklung von disziplin- und fachspezifischen Open Access-Publikationsdienstleistungen und -infrastrukturen (Repositorien, konsortiale Verlagsmodelle wie OLH, Open Knowledge Maps)
  • flankierende Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen (z. B. open-access.net, forschungsdaten.info)
  • aber auch als Datengeber durch die Bereitstellung von (Meta-)Daten (aus Digitalen Sammlungen etc.) unter offenen Lizenzen, offenen Schnittstellen und offenen Formaten. Hierdurch leben sie vor, was von Wissenschaftler*innen gefordert wird und ermöglichen maßgeblich die Öffnung der Forschung.

Ich freue mich über Kommentare und Anmerkungen, über Twitter, Kommentare unten und natürlich persönlich!

Weiterführende Ressourcen (alphabetisch):

Biesenbender, Kristin / Ralf Flohr / Monika Linne / Olaf Siegert, ‘Open-Access-Tage 2018 – Teil II: Wie entwickelt sich Open Access in einzelnen Fächern und Projekten?’, Blogpost, ZBW Mediatalk

Graf, Dorothee / Veronika Burovikhina / Natalie Leinweber, ‘Zukunftsmodell Monografien im Open Access: Aus der Praxis von Bibliotheken, Verlagen, Wissenschaft und Lehre im gemeinsamen Projekt OGeSoMo’, in: o-Bib 6 (2019):4

Kleineberg, Michael / Ben Kaden, ‘Open Humanities? ExpertInnenmeinungen über Open Access in den Geisteswissenschaften’. in: LIBREAS. Library Ideas 32 (2017).

Söllner, Konstanze / Mittermaier, Bernhard (Hg.) (2017). Praxishandbuch Open Access (De Gruyter Praxishandbuch), De Gruyter Saur (Open Access): u. a. die Kapitel zu Open Access in den Geisteswissenschaften, Open Access in den Sozialwissenschaften, zur Rolle von Bibliotheken, Data Publishing etc.)

Tóth-Czifra, Erzsébet: ‘Open Access in the Arts, Humanities, and Social Sciences’. Short video with links to resources

Tóth-Czifra, Erzsébet / Wuttke, Ulrike (2019): ‘Loners, Pathfinders, or Explorers? How are the Humanities Progressing in Open Science?’. Blogpost from Open Science Barcamp 2019 auf GenR