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Gesucht: Das dreiköpfige Monster aus der Apokalypse

The Middle Dutch author Dirc van Delf refers in his Tafel van den kersten ghelove to avarice as one of the three heads of the beast condemned in the Apocypse, but the most famous evil beast from the Apocypse has seven heads, which makes this allusion slightly puzzling.

 

Vor einiger Zeit machte mich jemand auf einen mittelniederländischen Text von Dirc van Delf aus dem vierzehnten Jahrhundert aufmerksam, in dem die Habsucht als eines der Tiere der Apokalypte genannt wird und fragte mich, ob ich ähnliche Passagen kennen würde?

Ich bin schon verschiedenen “apokalyptischen Tieren” begegnet, bzw. Tieren, die in eschatolologischen Zusammenhängen eine Rolle spielen, aber an einen derartigen Fall konnte ich mich nicht entsinnen. Meine Neugier war entfacht. Dabei kam mir der Gedanke, nicht einfach nur per E-Mail zu antworten, sondern einen kurzen Bericht zu schreiben.

Es fühlt sich einerseits etwas merkwürdig an, seine eigene recht chaotische Suchmethode (denn Strategie ist zumindest in diesem Fall nicht das treffende Wort) offen zu legen, anderseits ist inzwischen so oft von mehr Transparenz die Rede, dass ein kleiner Selbstversuch nicht schaden sollte. Im Folgenden also kurzer Klärungsversuch, da mir die Zeit fehlt, ausführlich dieser Frage in Bibliotheken  nachzugehen (die meisten Quellen sind noch nicht digitalisiert, insbesondere Ikonographie der christlichen Kunst: Bd. 5: Die Apokalypse des Johannes von Gertrud Schiller, 1990 klang jedoch sehr vielversprechend).

Also, fangen wir mit der Identifikation der Originalpassage an, um den Kontext richtig einzuordnen. Der Hinweis, dem ich folge ist: “Dirc van Delf’s Tafel van den kersten ghelove, pt. II Winterstuck, zie p. 209, vv. 109-121 in de editie (staat op dbnl)”.

Dirc van Delf (auch bekannt als Dirc van Delft) zählt zu einem der interessantesten Autoren der mittelniederländischen Literatur. Er war Gelehrter (Studium in Köln, Professor der Theologie in Erfurt) bevor er in den Dienst des Grafen von Hollands trat und dort seinen Magnus Opus und einzigartige Symbiose scholastischer Theologie in der Volkssprache, die Tafel van den kersten ghelove, verfasste.

Die DBNL (Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren) ist eine unverzichtbare Sammlung digitaler Primär- und Sekundärquellen für die niederländische Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte. Die einfache Suche nach dem Autor “Dirc van Delf” in der DBNL führt zu einer Trefferseite mit in der DBNL verfügbaren Biographien über Dirc van Delf, Werken, Ausgaben und Sekundärliteratur. Tatsächlich ist eine Edition der Tafel van den kersten ghelove digital verfügbar. Merkwürdigerweise führt jedoch nur der Treffer bei Ausgaben (Uitgaven van Dirc van Delf) tatsächlich zur Anzeige der drei digitalisierten Bände der Ausgabe der Tafel, der Treffer bei Werken van Dirc van Delf führt nur zu zwei Bänden, der erste Band mit der Einleitung und den Registern wird an dieser Stelle nicht angezeigt.

Die Tafel (ein Prosawerk) ist in die zwei großen Abteilungen Somerstuc und Winterstuc eingeteilt. Die gesuchte Passage findet sich im Winterstuc in Kapitel 32: Dat .XXXII. capittel is van den gheboden Godes ende hoe dat Moyses etc. In diesem Kapitel wird zunächst über die Übergabe der Zehn Gebote an Moses auf zwei steinernen Tafeln berichtet. Danach werden die Zehn Gebote näher ausgelegt, wobei die Habsucht im Rahmen des ersten Gebots “Non adorabis deos alienos (Z. 63)” als Teil der dritten clufte bzw. clausule “verlochen dinen God niet, wes di oic ymmer gesciet (entsage deinem Gott nicht, was immer dir auch geschieht, Z. 106)” behandelt wird. Als Beispiel werden diejenigen Christen benannt, die ihren Glauben verloren haben und mit Juden oder Heiden gemeinsame (böse) Sache gemacht haben, sowie die Habsüchtigen, Gierigen und Unkeuschen: “Dit sijn die serpent ende die beeste mit drien hoofde, daer in Apocalipsi staet of gescreven: Vermaledijt is die den beest aenbiddet ende sijn beelde (=Apoc. 14:9). Dat eerste is ghiericheit, die aenbedet den penninc, geliken dat een heyden doet sinen afgod; want die en wil sinen afgod niet breken (=vernietigen), dese en wil sinen scat niet mynren; die settet hoep inden molock, dese heeft groten toeverlaet tot sinen blaeuwen sack (waarin onrechtmatig geld werd geborgen). Seneca seit: aldus is dat ghelt een godinne geworden (Z. 110-117).” Genau genommen wird in dieser Passage die Habgier also nicht als eines der Tiere aus der Apokalypse behandelt, sondern die Habgier, Gier und Keuschheit als Schlangen oder als eines der drei Häupter des Tieres, dass in der Offenbarung verurteilt wird, d. h. im übertragenen Sinne als eine schwere Sünde behandelt, und könnte daher im breitesten Sinn zu den vielen Verurteilungen der Habgier in der mittelalterlichen Literatur gezählt werden, hier in einer sehr einprägsamen bildlichen Form. So verurteilt zum Beispiel auch Jan van Boendale, ein etwas früherer mittelniederländischer Dichter, die Habgier eindringlich in seiner Bearbeitung der Visio Fratris Johannis im Boek van der Wraken (III, 9-10) (siehe Wuttke, 2016, S. 358-360) oder in seinem Lekenspiegel (Lsp. I, 28, V. 35-40).

Sündenkataloge, bzw. Listen von Sünden und ihren Folgen für das Seelenheil, insbesondere die so genannten Haupt- oder Todsünden, spielen eine wichtige Rolle im mittelalterlichen vokssprachlichen nicht-akademischen Moraldiskurs und sind oft eng mit den Zehn Geboten verbunden (siehe Wuttke, 2016, S. 190-192). Daher ist die Behandlung in diesem Kontext durch Dirc van Delf nicht besonders abwegig.

Eine derartig bildliche Ausarbeitung wie bei Dirc van Delf ist mir bisher jedoch noch nicht in einem Text begegnet und lässt sich selbst in den in der DBNL digitalisierten Quellen nur schwer suchen. Immerhin brachte die Suche nach “drien hoofden” in der DBNL ans Licht, dass schon Frits van Oostrom diese Passage in seinem Buch Het Woord van Eer (S. 185) behandelt hat, auch wenn er dort die Ansicht vertritt, dass Dirc die beiden anderen Sünden (Gier und Unkeuschheit) mehr Sorgen bereitet haben, das scheint mir jedoch zweifelhaft, da Dirc die Habsucht an erster und somit prominentester Stelle nennt (auch von der Länge der jeweiligen Passagen her lässt sich das Argument nicht wirklich untermauern). Über die Herkunft der Bildsprache (dem dreiköpfigen Monster) sagt Frits van Oostrom jedoch nichts.

Die bei Dirc genannte Dreizahl der Köpfe (wobei drei natürlich im theologischen Zusammenhang immer eine vor der Hand liegende Wahl ist) wirft in Verbindung mit der Johannesoffenbarung jedoch ein Rätsel auf, denn die dort genannten bösartigen Tiere haben sieben Köpfe, wie der Drache (12:3) und das Mischwesen (13:1) oder nur einen Kopf (das lammähnliche Wesen, das wie ein Drachen redet (13:11).

 

BambergApocalypseFolio032vBeastFromSeaWith7Heads

Bamberg Apocalypse, Bamberg, Staatsbibliothek, MS A. II. 42, um 1000, f. 33v, Horned Beast (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:BambergApocalypseFolio033vHornedBeast.JPG)

Siebenköpfigen apokalyptischen Tieren begegnet man zahlreich sowohl in Texten als auch in bildlichen Darstellungen aus der gleichen Zeit:

  • zum Beispiel hier aus der in Utrecht entstandenen mittelniederländischen Historienbibel-Handschrift The Hague, KB, 78 D 38 II, um 1430 (f. 280r “Apocalypse: The Dragon with the seven heads”)
  • oder hier, in einem um 1500 entstandenen Stundenbuch aus Paris, The Hague, KB, 74 G 22m f. 14r

Mir wurde auch einmmal ein Bild von einem siebenköpfigen Antichrist-Drachen (?) zugeschickt, das ich leider nicht mehr finden kann. Es war besonders auffällig, weil der Antichrist “blasphemische” Worte äußerte, was durch Sprachblasen dargestellt wurde, in denen jeweils “Bla” stand. Dies hatte den leicht komischen Effekt eines siebenköpfigen Fabelwesens, das Bla, Bla, Bla, Bla etc. sagte…

Für weitere Hinweise auf “passende” dreiköpfige Monster  kenne ich mich nicht gut genug mit bildlichen Darstellungen der Tiere in der Johannesoffenbarung aus und es ist schwierig, gezielt derartige Darstellungen zu suchen (ich wäre für Hinweise dankbar, wie man das am besten bewerkstelligen könnte), hier sind KunsthistorikerInnen gefragt. Irgendwelche Ideen und weitere sachdienliche Hinweise (auch auf den “Bla-Bla-Antichrist”)?

Literatur:

  • Dirc van Delf, Tafel van den kersten ghelove, hg. Daniëls, 1937, Online verfügbar.
  • Frits van Oostrom, Het Woord van Eer: Literatuur aan het Hollandse Hof omstreeks 1400, 1996, Online verfügbar.
  • Ulrike Wuttke, Im Diesseits das Jenseits bereiten: Eschatologie, Laienbildung und Zeitkritik bei den mittelniederländischen Autoren Jan van Boendale, Lodewijk van Velthem und Jan van Leeuwen. Göttingen, 2016 (Print und OA-Version).

 

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Book Cover U. Wuttke "Im Diesseits das Jenseits bereiten"

The book and the Antichrist: Im Diesseits das Jenseits bereiten: Eschatologie, Laienbildung und Zeitkritik bei den mittelniederländischen Autoren Jan von Boendale, Lodewijk van Velthem und Jan van Leeuwen

It has taken a while, but I am happy to announce that finally my thesis has been published by Göttingen University Press (Universitätsverlag Göttingen). The book has come out simultaneously in paperback and as online version (in Open Access, which has been a must for me).

I am yet to write a blog post about the hardships of getting the thesis ready for print, which would have never happened without the positive encouragement from friends, colleagues, and last but not least the publisher, but today I would like to say a few words about the cover picture.

antichrist

The circumcision of the Antichrist (Antichristfenster: süd II 1c, Marienkirche, Frankfurt/Oder, Chorhaupt)

People seem to be rather shocked when they first have a closer look at the cover picture. A common remark is that it is rather cruel (which I have to admit is true) and the next question is mostly whether this is Christ. Actually it is not Christ, but the Antichrist. The cover picture shows the circumcision of the Antichrist and has been taken at the Marienkirche (St. Mary Church) at Frankfurt (Oder) where a true rarity, a medieval stained glass window picturing the whole life of the Antichrist, can be found. The cover picture is part of this pictoral program.

In the scene on the cover picture we see on the left a priest, on the right the mother of the Antichrist and at the bottom a little red devil looking with glee at the baby Antichrist in the middle who is just about being circumcised by the priest with a giant pair of scissors.

How do we actually know that the baby is the Antichrist (and not the little red devil)? First of all it is important to realize that in the Middle Ages people were convinced that the Antichrist will be a human and therefore look like any other “normal” human (which makes it so difficult to recognize him) and that his life will mirror the life of Christ. Thus, just like Christ, the Antichrist will be circumcised and he will have messianic traits, but only the Jews will (wrongly) accept him as their Messiah. The devil and the Antichrist are different enemies of Christianity. Whereas devils have existed since Lucifer’s fall and will continue to exist until eternity, the Antichrist will appear before Judgement Day because he is one of the signs of the End and he will die before it. Another clue is the cross in the baby’s halo. It is a T-cross (cross of Tau) which was considered in the Middle Ages as one of the signs of the Antichrist (Mangelsdorf 2007, p. 107). Also the presence of the devil indicates that something “wrong” is going on in this scene. Almost all scenes of this Antichrist-window in which the Antichrist is present also contain one or several devils, but not the ones in which the Antichrist is not present (like the scene dedicated to the motif of the Last Emperor).

This short explanation brings me back to the title of my book, which may be translated as: “Preparing in the present life for the Hereafter”. For medieval Christians it was important to recognize the signs of the End. Being able to identify the Antichrist who will appear to announce the End was a significant part of this knowledge. But medieval eschatology was much more than apocalypticism. It was considered even more important to always live ones life in such a way that one has never to fear the divine judgment because Judgement Day can take place at any time. Therefore, moral and ethical guidelines play an important role in the eschatological parts of the vernacular Dutch texts that I have studied for this book.

Further reading

There is an enormous amount of literature about medieval apocalypticism and eschatology. Many of them I have consulted for my book, so a good starting point is actually the chapter “Apokalyptik – Eschatologie – apokalyptische Eschatologie?” and the bibliography.

About the Antichrist window at the Marienkirche, its history, meaning, and eventful fate in modern times as looted art and that is truly worth visiting:

  • Mangelsdorf, Frank (ed.). Der gläserne Schatz: Die Bilderbibel der St. Marienkirche in Frankfurt (Oder), Berlin, 2007.
  • Knefelkamp, Ulrich & Frank Martin. Der Antichrist: Die Glasmalereien der Marienkirche in Frankfurt (Oder). Leipzig, 2008.

If you wish to buy the book in print or to scrutinize the online version, you may find means to access it on the website of the publisher: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?univerlag-isbn-978-3-86395-274-7.

Suggestions and comments on this blog entry as well as on my book are warmly welcome below!

Book Abstract

This study reveals that in medieval Dutch vernacular texts (from the Brabantine authors Jan van Boendale, Lodewijk van Velthem, and Jan van Leeuwen, and in the anonymous Boek van Sidrac) the treatment of individual and universal eschatological topics and themes, such as death, heaven, hell, purgatory, the Antichrist, eschatological people, and Judgement Day is dedicated to moral and ethical guidance to prepare oneself during lifetime for the afterlife. Central to all texts is the fate of the souls in the afterlife and guidelines to assure redemption on Judgment Day. This includes the ability to recognize the signs of the End properly. The vernacular eschatological discourse is considered as an inherent part of the intellectual emancipation of the laity in the later Middle Ages. This book is of interest not only to Dutch and German philologists, but also to historians and anyone interested in the history of religion, especially of eschatology and apocalypticism.

This study was awarded with the 2013 Mgr. C. de Clercqprijs of the Koninklijke Vlaamse Academie van België voor Wetenschappen en Kunsten (Royal Flemish Academy of Belgium for Science and the Arts) for an outstanding work in the field ‘History of Religions of Flanders’.